15.12.2010: Quo Vadis?

Als sportalis-Nachwuchsautorin und Tennisspielerin Catrin Schreiner Anfang der 90er Jahre auf die Welt kam, hatte der Tennisboom in Deutschland gerade seinen Höhepunkt erreicht. Inzwischen hat der weiße Sport hierzulande im Vergleich zu den Erfolgszeiten an Bedeutung, Spitzenspielern und TV-Zeit verloren. Catrin Schreiner hat die Entwicklung beleuchtet.
Die Entwicklung des Tennissports in Deutschland nach Graf und Becker
Am Anfang der 90er Jahre, als Steffi Graf und Boris Becker den Höhepunkt ihrer Tenniskarriere erreicht hatten, hat der Tennissport in Deutschland geboomt. Das Interesse, Tennismatches im Fernsehen zu verfolgen, war groß und der Tennissport konnte sich der gleichen Beliebtheit erfreuen, wie Fußball.
Abwärtstrend
Diese Zeiten sind nun vorbei. Abgesehen davon, dass es seitdem keinen deutschen Tennisspieler gibt, der nur annähernd an das Niveau von Graf und Becker heranreichen kann, sind die Übertragungen von Tennisturnieren im Fernsehen weitgehend zurückgegangen.
Der Tennissport befindet sich zu Zeit in einer Krise, so eine Studie von Sport+Markt, die Zuschauer nach ihren beliebtesten TV-Sportarten befragten. Gerade mal 15% der Befragten geben an, an Tennisübertragungen interessiert zu sein, was einem achten Rang entspricht. Dieses Ergebnis liegt nicht nur weit hinter der endlos anhaltenden Begeisterung für Fußball, sondern sogar noch hinter Eiskunstlaufen, einer Sportart, die nach Katharina Witt ebenfalls keine ebenbürtige Nachfolgerin finden konnte.
Im Gegensatz zu dem einst weit reichenden Konkurrenzkampf um die Übertragungsrechte von Grand Slam Turnieren, die Ufa Sports zahlte zu Zeiten von Graf und Becker 125 Mio. Mark für die TV-Rechte von 1995-99 an den Deutschen Tennis Bund (DTB), muss man heute danach suchen, Tennismatches im Fernsehprogramm zu finden.
Doch gerade die Breitensportarten leben vom Profisport. Ohne ein Vorbild vor Augen zu haben, lässt sich der Sport nur halbherzig ausführen. Denn wer guckt sich nicht die Schläge von Roger Federer oder Rafael Nadal ab, um zu versuchen, sie ins eigene Spiel einzubauen? Gerade für die junge Generation, die die zurückliegenden Glanzzeiten des Tennis in Deutschland nicht miterlebt hat, ist es wichtig, neue Idole zu haben, um selber erfolgreich spielen zu können. Vorerst müssen sich deutsche Nachwuchsspieler aber an internationale Profis halten.
Deutsche Tennisprofis an der Spitze: Mangelware!
Deutsche Tennisspieler sucht man auf den vorderen Plätzen der Weltrangliste erst einmal vergeblich.
Erst auf Position 28 taucht bei den Damen Sabine Lisicki auf, die neue Hoffnung im deutschen Damentennis. Seit 2006 ist die gebürtige Troisdorferin auf der Profitour und hat sich innerhalb der letzten zwei Jahre um mehr als 200 Plätze nach vorne gearbeitet.
Auch bei den Männern sieht eine deutsche Beteiligung in der Weltspitze mager aus.
Tommy Haas, Nr. 18, und Philipp Kohlschreiber, Nr. 24, sind dort die am best Platziertesten, danach kommt länger nichts.
Absolute Weltklassespieler, mit einer Konstanz an Erfolgen wie Graf und Becker, hat Deutschland nicht mehr vorzuzeigen. Zumal die Spieler, die die Quote retten, Tommy Haas und Nikolas Kiefer, mittlerweile beide zu der älteren Generation im Profibereich zählen
und des Weiteren oft vom Verletzungspech verfolgt werden.
Turniere sterben aus
Ein weiteres Problem ist der Rückgang an Profiturnieren in Deutschland. Beispiel dafür ist die Abwertung des ATP-Turniers in Hamburg und die Absetzung des WTA-Turniers in Berlin. Als Ursache wird bislang nur eine Umstrukturierung hinsichtlich eines neuen Bewertungs-systems der Masters Serie der ATP angegeben.
Dazu kommen finanzielle Probleme, die durch fehlende, insbesondere deutsche, Investoren entstehen.
Nachdem 2005 bekannt wurde, dass die German Open in Berlin zahlungsunfähig sind, war der neue Finanzier der Chef der Tennis-Federation von Katar, der das Turnier vorübergehend zu den Qatar German Open machte. Nur kurze Zeit später wurde der Austragungsort endgültig nach Warschau verlegt, höchstwahrscheinlich auf Grund fehlender Fernsehübertragungen und vergeblicher Sponsorensuche in Deutschland.
Neben dem Profibereich, müssen auch Ausrichter von bekannten Jugendturnieren in Deutschland finanzielle Engpässe melden, wie zum Beispiel der Kölner Jüngsten Cup. Das Turnier, eine Station von heutigen Topspielern wie Maria Sharapova und Tommy Haas, kann sich seiner Zukunft nicht mehr sicher sein.
Zudem fällt auch etwas anderes auf: in den vergangenen Jahren schwindet eine deutsche Beteiligungen in den Endrunden, vielmehr dominierte der Nachwuchs aus dem Osten.
Verwunderlich ist das nicht, spiegelt sich dieser Eindruck auch in den Weltranglisten, insbesondere in der Damenkonkurrenz, wider.
In den Top 10 der WTA-Weltrangliste sind sieben Spielerinnen aus Osteuropa vertreten.
Ein Trend, der sich auch in Zukunft fortsetzen wird, denn auch auf den folgenden zehn Position, sind sechs von Osteuropäerinnen besetzt.
Im Nachwuchsbereich wird als einziger Deutscher der 18-jährige Peter Gojowczyk als bester Spieler gehandelt. Ansonsten sind in den darauf folgenden Altersklassen kaum Deutsche unter den Top 100 im internationalen Vergleich zu finden.
Ursachen
Heutzutage wird es immer schwieriger für junge Spieler im Profizirkus Fuß zu fassen. Gefordert wird, es allen Seiten gerecht zu machen, überall immer 100% zu geben, sei es in der Schule, im Freundeskreis oder eben im Tennis. Dieser Druck ist genauso groß, wie schon die Konkurrenz an sich.
Um es den Leistungssportlern zumindest in der Schule einfacher zu machen, möchte der Deutsche Tennisbund die Zusammenarbeit mit den Schulen fördern und mit dem sogenannten „Leistungsportkonzept“ nationale Stützpunkte ausbauen.
DTB-Sportdirektor Klaus Eberhard gibt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auch noch andere Gründe dafür an, dass sich der deutsche Tennissport in der Krise befindet: „Oft fehlt auch der eiserne Wille, den zum Beispiel Spieler aus Serbien an den Tag legen“. Dabei sind starker Wille, Disziplin und Fleiß die für Steffi Graf wichtigsten Faktoren, um sich behaupten zu können.
Um diese Faktoren zu stärken, würde vor allem eins helfen: Vorbilder.
Doch an Idolen, die in der Weltspitze große Erfolge vermelden und die Sportart dadurch attraktiv machen würden, mangelt es. Vielmehr scheint es sich als ein Problem der heutigen Generation herauszukristallisieren, dass sich immer mehr Jugendliche nicht nur auf eine Sportart konzentrieren, sondern stattdessen mehrere gleichzeitig machen.
Erkennbar ist das auch an der Höhe der Mitgliedsgelder. Seit 1995 ist die Zahl der Mitglieder im DTB kontinuierlich gesunken.
Blick in die Zukunft- Aufwärtsgang oder Stagnation?
„Es ist allgemein schade, wenn es mit einem Sport, der so viel Spaß macht, so rapide bergab geht“, bemerkte Steffi Graf 2004 in einem Spiegel-Interview.
Die möglichen Gründe für den Abwärtstrend im deutschen Tennissport sind vielseitig bekannt, doch scheint es niemanden zu geben, der dagegen produktiv vorzugehen weiß.
2001 hatte der DTB ein neues Nachwuchskonzept angekündigt, doch hat sich die Situation seitdem nicht bemerkenswert verändert. Gefordert wurde beispielsweise die Unterstützung durch ehemalige Topspieler, bei denen es der DTB versäumt hatte, sie für die Nachwuchs-arbeit zu Rate zu ziehen.
Doch die Millionen, die der DTB damals durch die Ära Graf/Becker eingenommen hat, sind weg. „Viele fragen sich, wo sie geblieben sind“, so DTB-Präsident Georg von Waldenfels in einem aktuellen Artikel in der Badischen Zeitung.
Es stellt sich die Frage: hat der DTB vielleicht über Jahre hinweg über seine Verhältnisse gelebt, anstatt die Gelder sinnvoll in den Jugendbereich anzulegen?
Da erstaunt es nicht, dass so manches, groß angekündigtes Projekt, nicht umgesetzt werden kann.
So hat sich der Deutsche Tennisbund darauf festgelegt, dass Graf und Becker nur „Ausnahmeerscheinungen“ waren und man sich auf „schwierige Zeiten“ einstellen muss.
Ein „neuer Tennis-Boom“, den Boris Becker nur einige Jahre zuvor vorausgesagt hatte, kündigt sich wohl erst einmal nicht an.
„Es ist häufig so, dass nach einer Zeit erstmal eine ruhige Phase eintritt. Es wird aber immer wieder Kandidaten geben, dich sich durchsetzten und den Sport stark prägen werden“, erklärte Steffi Graf im Spiegel- da bleibt nur die Hoffnung, dass sie Recht behält.
Text: Catrin Schreiner