
Die Sportwissenschaftlerin und promovierte Humanbiologin Dr. Sabine Kubesch ist Mitglied im Forscherteam des renommierten Hirnforschers Professor Dr. Manfred Spitzer.
Frau Dr. Kubesch, wir wissen heute: Körperliche Aktivität fördert auch die Aktivitäten des Gehirns. Gibt es Sportarten, die hier besonders effektiv sind?
Bislang konnte nachgewiesen werden, dass Gehirnprozesse in erster Linie von aeroben Ausdauerbelastungen wie Laufen oder schnelleres Walking oder durch Kraftausdauerbelastungen wie zum Beispiel Zirkeltraining, Nordic-Walking oder Step Aerobic profitieren. Dies wird mit einer gesteigerten maximalen Sauerstoffkapazität bzw. einer gesteigerten Serotoninbiosynthese in Verbindung gebracht.
Welche Sportaktivitäten würden sie speziell für Kindergärten und Schulen empfehlen?
An Kindergärten sollte man den natürlichen Bewegungsdrang von Kindern ausnutzen. Da das Gehirn das sucht, was es für seine Entwicklung braucht, sollte man in erster Linie die Bewegungsformen fördern, die Kinder von sich aus wählen.
Für Schulen unterstützen wir am Transferzentrum Ulm die Forderung nach der täglichen Sportstunde. Generell ist wichtig, dass die Schüler Freude am Sportunterricht haben, denn die verstärkte Neubildung von Nervenzellen wurde nur bei freiwilliger und nicht bei erzwungener körperlicher Belastung nachgewiesen. Deshalb sollten zum Beispiel neuere Sportarten – sog. Trendsportarten – vermehrt in den Sportunterricht einbezogen werden.
Und was ist für ältere Menschen sinnvoll?
Bereits einfache Formen muskulärer Beanspruchung wie Spazierengehen führen zu einer gesteigerten regionalen Gehirndurchblutung. Den größten Effekt auf kognitive Funktionen haben bei älteren und alten Menschen jedoch mittlere Kraftausdauerbelastungen. Wir empfehlen deshalb ein regelmäßiges Kraft-Ausdauertraining mit mehreren Trainingseinheiten pro Woche zwischen 30 und 60 Minuten. Von Ausdauertraining kann im Übrigen jede Altersgruppe profitieren.
In einer Studie am Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen mit jungen Erwachsenen, die über sechs Wochen dreimal wöchentlich ein 30-minütiges Laufpensum absolvierten, konnte neben einer Verbesserung der Befindlichkeit auch eine Leistungssteigerung des visuell-räumlichen und verbalen Gedächtnisses nachgewiesen werden.
Gilt die Gleichung: Je mehr Sport, umso besser die Hirnleistung?
Aus dem Leistungssport kennen wir das Phänomen "Übertraining", zu dessen Hauptsymptomen neben einer Leistungsminderung und anhaltenden Müdigkeit auch Antriebslosigkeit und eine Beeinträchtigung der Befindlichkeit zählen. Zuviel Sport kann sich also negativ auf das Gehirn auswirken. Deshalb sollten allgemeine Trainingsprinzipien eingehalten werden, wie z.B. auf einen harten Trainingstag einen leichten bzw. eine Trainingspause einzulegen.
Gibt es auch "schädliche" Sportarten?
Wenn man nicht gerade untrainiert und ungeschützt in den Boxring steigt, sollte man eher sagen, dass es Bewegungsformen gibt, die mehr oder weniger auf Gehirnprozesse einwirken können. Generell geht es darum, über eine Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems günstige Gehirnprozesse anzuregen. Das gelingt besonders durch Ausdauer- und Kraftausdauerbelastungen und weniger durch reines
Krafttraining.
Welchen Rat würden Sie Übungsleiter für ihre eigenen Sportangebote mitgeben?
Das Wichtigste ist, dass die Teilnehmer Freude am Sport haben und Erfolgserlebnisse erfahren – denn auch so kann man positiv auf das Gehirn einwirken. Bei Sportarten, bei denen man sich weniger bewegt wie beispielsweise beim Bogenschießen, Kegeln usw. könnte man zum Beispiel ein Ausdauertraining vorschalten. Die dadurch erhöhte Serotoninkonzentration steigert die motorische Leistungsfähigkeit. Es kann besser gezielt und dadurch wiederum besser getroffen werden.
Frau Kubesch, vielen Dank für die Informationen.
Fakten und Zahlen zum Thema: Workout für das Gehirn
- Das Gehirn macht gut drei Prozent der Masse des menschlichen Körpers aus
- Das Gehirn einer Frau wiegt 1.300 Gramm, das von einem Mann 1.500 Gramm
- Das Gehirn verbraucht 20 Prozent des gesamten Energieumsatzes im Körper und ist damit das Organ mit dem höchsten Energieverbrauch
- Etwa 100 Milliarden Nervenzellen befinden sich im Gehirn
- Jede Gehirnzelle ist mit etwa 10.000 anderen Zellen verknüpft
- Informationen werden im Gehirn mit 150-facher ISDNGeschwindigkeit verarbeitet
- Informationen laufen über ein Nervennetz von mehr als 100 Kilometern
- Jeder hat rund 10.000 Wörter in seinem Gedächtnis abgelegt
Quelle: AOK Presseinformation