15.12.2010: Indoorcycling

Wachstumsprognosen bestimmen immer wieder unsere Nachrichten – aber leider auch nach wie vor den Körper des Durchschnittsdeutschen, und zwar in der Breite. Die Deutschen werden immer dicker, gerade in der kalten Jahreszeit: Warum nicht also mal anstatt auf ein Bierchen am Fernsehen sich im Fitnesscenter beim Indoorcycling treffen.
Es ist Mittwochabend im Dezember – ganz Deutschland sitzt vor dem Fernseher. Ganz Deutschland? Nein! Eine immer größer werdende Gruppe von Sportlern strampelt sich frei von Kalorien und Sorgen: 1,6 Millionen Mitglieder zählen die Fittnessketten in Deutschland, viele von Ihnen kommen nur für Indoorcycling in die Fittnesszentralen – für sie ist das „Strampeln“ nach wie vor der Renner!
Samuel Aust ist so einer: Der 20-jährige Sportwissenschaftler im zweiten Semester schwitzt und strahlt: „Super, ich kann beim Spinnen einfach alles hinter mir lassen!“ Der Sportstudent befindet sich auf einem Gerät, das einem Fahrrad ähnelt, doch es bewegt sich nicht von der Stelle. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn nicht Distanzen, sondern vielmehr der Winterspeck soll hierbei überwunden werden. Indoorcycling bietet den Vorteil, dass das Wetter egal ist. „Draußen ist jetzt einfach kein gutes Wetter, um sich zum Beispiel mit Fahrrad fahren fit zu halten!“, krächzt der junge Mann mit einem roten Kopf vor Anstrengung – er erklimmt gerade einen imaginären Berg, der durch größere Widerstände am Pedal suggeriert wird. Dabei versucht er seinen Puls zwischen 130 bis 150 Schlägen pro Minuten schlagen zu lassen.
Der Student beklagt, es sei gerade in der Winter- und Weihnachtszeit äußerst schwer, sich noch abends nach der Arbeit sportlich zu bewegen. Draußen herrscht dumpf-dunkle Winterwetter Tristesse, da bleibt bei vielen die Motivation im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Dabei ist Bewegung nach wie vor äußerst wichtig, auch im Winter: Krankenkassen wie die Betriebskrankenkasse (BKK) bestätigen das mit Fakten: 17 % der Jugendlichen wurden bereits 2003 als übergewichtig eingestuft, bei den Erwachsenen sind es sogar 49 %, Tendenz seit Jahrzehnten steigend.
Genau diesen zahlreichen Rettungsringen und Hüftvergoldungen kann mit Indoorcycling der Kampf angesagt werden, denn die zahlreichen Einstellungen kommen vor allem Anfängern und Sportmuffeln entgegen. Dr. Patrick Rene Diel, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Sportmedizin an der Sporthochschule Köln, weißt darauf hin, dass dieses Gerät sowohl für Profis, als auch für sogenannte Couch-Potatoes geeignet ist. Viele Parameter können auf den individuellen Leistungsstand eingestellt können. Gerade bei Einsteigern ist die Verletzungsgefahr nach langen Sportpausen recht hoch, doch beim unbeweglichen Fahrrad kann man nicht stürzen, man bleibt auf der Stelle und kann auch auf der Stelle anhalten. Auf eines sollte man dennoch achten: „Vorher sollte ein cardiovaskulärer Check anhand eines Belastungs-EKG beim Internisten durchgeführt werden, um Vorschäden am Herzen auszuschließen. Auch örtliche Vorschäden, wie Knieoperationen oder noch nicht auskurierte Zerrungen an der Beinmuskulatur sollten berücksichtigt werden. Außerdem sollte nicht zu schnell zu viel verlangt werden“, betont Diel. Denn wie in jeder anderen Ausdauersportart gilt auch hier: Hohe Dauer, niedrige Intensität im Training! Um diese Faustregel umzusetzen benötigt es natürlich Disziplin und Motivation – das versucht der wissenschaftliche Mitarbeiter der Sporthochschule auch selbst umzusetzen, mit einem kleinen Unterschied: „Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad 10 km zur Arbeit und 10 km wieder zurück, hier kann mehr passieren, als beim Indoorcycling. Nicht nur deswegen kann ich diese Sportart empfehlen. Generell gilt letztlich jedoch immer: Hauptsache es macht Spaß!
Genau das zu vermitteln ist das Ziel von Nadine Börner. Die 32jährige ist Fitnesstrainerin im Fitnesscenter Just Fit Feminin in Köln. Hier dürfen ausschließlich Frauen trainieren. „Natürlich ist das Gerät für unsere Klientel äußerst wichtig. Jeden Tag werden die Geräte intensiv genutzt, vor allem bei den Spinning – Kursen, die ich jede Woche anbiete. Da fahren wir in der Gruppe zum Takt der Musik und versuchen uns, in einen Rausch zu fahren.“
Genau darin scheint der Spaß bei diesem Gerät zu liegen: Auspowern und das bitte zusammen! Nachher kann man dann mit ruhigem Gewissen vom Rad steigen mit dem Gedanken, heute mindestens eine Sache richtig gemacht zu haben.
Das scheint auch Samuel Aust zu denken, nachdem er eine Stunde „rumgespinnt“ hat: Endlich Feierabend – für Körper und Geist!
Text: Lucas Schäfer